Zuhören – eine unterschätzte Kunst, die Gold wert ist

Aufmerksamkeit ist in der gegenwärtigen schnelllebigen Zeit ein kostbares Gut. Unternehmen geben zum Beispiel viel Geld aus, um herauszufinden, was ihre Zielgruppen bewegt, um sie auf ihren Websites beziehungsweise in ihren Geschäften zu halten und an sich zu binden. Dabei könnten sie viele Ausgaben sparen, wenn sie nur besser zuhören würden. Doch diese „Disziplin“ wird in fast allen Firmen massiv unterschätzt, wie Jochen Mai, Chefredakteur des Blogs „Karrierebibel“, feststellt.

Kommunikationspartnerzentrierte Gesprächsführung

Wer zuhört, erhält nicht nur viele Informationen. Das aktive Zuhören ist dem Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers zufolge auch ein geeignetes Werkzeug für die kommunikationspartnerzentrierte Gesprächsführung. „Durch die aktive, zugewandte Art der Kommunikation werden unterschiedliche Ziele erreicht: Auf der Beziehungsebene wird gegenseitiges Vertrauen aufgebaut und ein wertschätzender Umgang praktiziert. Auf der sprachlich-semantischen Ebene wird durch Nachfragen und Paraphrasieren möglichen Missverständnissen vorgebeugt. Dies schafft eine positive Gesprächsatmosphäre“, argumentiert WEKA Business Media. Der Harvard-Professor William Ury habe ebenfalls herausgefunden, wie sich gutes Zuhören vorteilhaft in Gesprächssituationen auswirke. Demnach kommen gute Zuhörer schneller und effizienter zu einem Verhandlungserfolg als Menschen, die sich auf ihre eigenen Argumente fokussieren.

Das Zuhören Kommunikationsstärke bedeutet, haben einige Unternehmen erkannt – unter anderem Google. So empfiehlt der Branchenriese, dass Manager in einem Meeting besser offene Fragen stellen und zuhören sollten, als Entscheidungen zu rechtfertigen, berichtet die Welt. Der Manager sollte nicht mehr als zehn Prozent Gesprächsanteil haben. Er sollte das Gespräch leiten und die richtigen Fragen stellen – dann aber hauptsächlich aktiv zuhören.

Auf welche Fähigkeiten es ankommt

Der aktive Zuhörer ist einer von vier unterschiedlichen Zuhörer-Typen, die der US-Autor Anthony Alessandra Karrierebibel zufolge beschreibt. Er verkörpere den Idealtypus – er stoppe seinen inneren Monolog, wenn er zuhöre, schenke seinem Gegenüber seine exklusive Aufmerksamkeit und stelle sich auf den Gesprächspartner voll ein. Kurz: „Er besitzt emotionale Intelligenz.“ Darüber hinaus gebe es den bewertenden Zuhörer, der den Anspruch verfolge, eine Debatte zu gewinnen. Dementsprechend höre und verstehe dieser zwar die Argumente, seine Gedanken weilen jedoch bereits bei seinen Gegenargumenten. Weitere Typen seien der selektive Zuhörer, der nur höre, was er wolle, und der Weghörer, der sich kaum auf sein Gegenüber einlasse. Wer denkt, dass er bei einer Zuordnung zu diesen Charakteren gut abschneiden würde, der irrt sich. Denn: „Kaum einer ist nur einer der vier Zuhörer-Typen. In der Regel sind wir – je nach Situation und Gespräch – eine Mischung aus allen vier Typen“, so Jochen Mai. Besonders interessant: „Je mächtiger Menschen werden, desto tauber werden sie.“

Warum Zuhören so schwierig ist, vor allem für Menschen mit Macht, hat Coach und Autor Roland Kopp-Wichmann erläutert. Seine Begründung: Zuhören erfordert eine Reihe von Fähigkeiten. Dazu zählen die Einsicht in die subjektive Beschränktheit der eigenen Sichtweise, die Fähigkeit, die eigene Meinung zurückstellen zu können und das Vermögen, Unterschiede tolerieren zu können. Ähnlichkeit führe zwar zu Sympathie, wie im Blogbeitrag „Der Mine-me-Effekt – unbewusste Sympathie mit Tücken“ beschrieben ist, aber Unterschiede beleben das Gespräch und können zum Wissenszuwachs und Erkenntnisgewinn beider beitragen. Ebenso gehöre zum Zuhören, Gefühle und Intuition mit einzubeziehen und die Fähigkeit, etwas nicht gleich verstehen zu müssen. Nicht zuletzt gehe es darum, möglichst wenig zu unterbrechen, Verstandenes auszudrücken und weiterführende Fragen zu stellen.

Zuhören ist erlernbar

Die gute Nachricht lautet: Aktives Zuhören lässt sich erlernen. Dafür müssen Fach- und Führungskräfte nicht unbedingt gleich ein umfassendes Seminar besuchen. Auch einfache Tipps können bereits hilfreich sein. Jochen Mai rät zum Beispiel:

  • Lassen Sie den anderen aussprechen und reden Sie nicht dazwischen!
  • Entspannen Sie! Wie jemand dreinschaut, ob er mit dem Kopf nickt oder ihn schüttelt – all das wirkt auf das Gegenüber.
  • Stellen Sie Fragen!
  • Halten Sie permanent Blickkontakt!
  • Nutzen Sie Pausen – zum Nachdenken!
  • Belehren Sie nicht!
  • Hören Sie immer länger zu als Sie reden!

Sieben einfach zu beherzigende Tipps also – für mehr Kommunikationsstärke und Erfolg in Verhandlungen! Verhandlungen, die über die berufliche Zukunft beziehungsweise die Zukunft des Unternehmens entscheiden können. Damit gilt mehr denn je, was der Schweizer Journalist Walter Ludin feststellte: „Reden ist Silber, Zuhören ist Gold.“

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Autor: Jasmine Grabher